Ernst Stimmer (1906-1990)

Der Bauingenieur

Foto von Ernst Stimmer um 1938
  • © Privat

Ernst Stimmer wurde am 5. Juli 1906 in Wien als Kind von Emil und Irene Stimmer geboren. Sein Vater war Bankbeamter, seine Mutter Irene war Pianistin. Sie hatten ein weiteres Kind, Elsa. Alle vier Familienmitglieder traten in den 1920er/30er Jahren aus der Israelitischen Kultusgemeinde Wien aus. Ernst wie auch seine Familie konvertierten zum Katholizismus.

Nach der Reifeprüfung besuchte Ernst ab dem Studienjahr 1924/25 die Bauingenieurschule an der Technischen Hochschule in Wien. Im November 1934 wurde ihm der Titel „Ingenieur“ verliehen, der ab 1938 in „Diplomingenieur“ umgeschrieben wurde – allerdings nur für „arische“ Absolvent:innen.

Mit 30 Jahren heiratete Ernst Stimmer im Mai 1937 die 18-jährige Lohnbuchhalterin Adele Anna Brunner.

Ab dem 10. August 1939 war auch der zum Katholizismus konvertierte Ernst gezwungen, den zusätzlichen Vornamen „Israel“ zu tragen. Zu diesem Zeitpunkt und bis zu seiner Deportation Ende November 1943 arbeitete er bei der „Wiener Brückenbau und Eisenkonstruktions AG“.

Am 15. Oktober 1941 wurden Stimmers Eltern von Wien in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz, Łódź) deportiert. Von den 5.000 Personen, die im Herbst 1941 von Wien nach Lodz deportiert wurden, konnten nach dem Krieg lediglich 21 Überlebende ausfindig gemacht werden. Emil und Irene Stimmer waren nicht dabei. Über ihr Schicksal hat Ernst zeitlebens nie etwas erzählt.

Mitte November 1943 erhielt Ernst eine Vorladung zur Gestapo. Dort legte man ihm nahe, sich von seiner nichtjüdischen Frau scheiden zu lassen, was Ernst abwies, obwohl er bereits auf Veranlassung seiner Frau Adele aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen musste. Auf einem handschriftlich verfassten Zettel notierte er: „Adi will vom Zusammenziehen nichts wissen, sie ist ja auch schon genügend lange von ihrer Mutter entsprechend präpariert worden. Die Entscheidung zwischen dem Mann und der bequemen Wohnung ist getan und damit mein Schicksal besiegelt.“

Am 30. November 1943 wurde Ernst Stimmer gemeinsam mit 43 weiteren Jüdinnen:Juden von Wien ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort wurde ihm aufgrund anhaltender Krankheit und eines schlechten Gesundheitszustandes nach kurzer Zeit ein „besseres“ Zimmer zugeteilt.

Im Ghetto wurde Ernst zunächst für den Materialtransport und bei Ausbesserungsarbeiten eingesetzt, oftmals hatte er die Funktion des Schichtleiters inne.

Am 22. August 1944 wurde Ernst der „Außenarbeitsgruppe Barackenbau“ zugeteilt und verließ kurz darauf Theresienstadt mit einem Transport Richtung Wulkow. In Wulkow leitete er eine Gruppe von Arbeitern, die die Innenausstattung der Baracken bauen musste.

Zuteilung Ernst Stimmers zur „Außenarbeitsgruppe Barackenbau“ vom 21. August 1944
  • © Privat

Ernst Stimmer befand sich unter den rund 200 Häftlingen des Außenlagers Wulkow, die Anfang Februar einen Zug im nahegelegenen Trebnitz besteigen mussten und nach achttägiger Irrfahrt am 11. Februar 1945 in Theresienstadt ankamen.

Nach der Rückkehr ins Ghetto Theresienstadt gehörte Ernst kurzzeitig der Technischen Abteilung als Bauingenieur an. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes wurde er jedoch schnell krankgeschrieben. Dennoch wurde er im März 1945, so wie viele andere Häftlinge des Wulkower Außenlagers, wieder einer „Arbeitseinsatzgruppe“ zugeteilt – da Ernst ein paar Tage später jedoch ins Krankenhaus musste, entging er diesem Arbeitseinsatz.

Ernst Stimmer erlebte die Befreiung Anfang Mai 1945 in Theresienstadt.

Die Ehe zwischen Adele und Ernst war bereits im April 1944 geschieden worden, dennoch schrieb Ernst ihr direkt nach der Befreiung am 9. Mai 1945 einen Brief mit den Worten „[...] daß ich es kaum fassen kann, zu den glücklichen Überlebenden zu gehören und daß damit zu rechnen ist, daß ich im Lauf der nächsten 14 Tage bis 3 Wochen mit Gottes barmherziger Hilfe mit Dir vereint sein kann. Ich bete zu unserem Herrgott, daß ich Dich gesund und wohlauf wiedersehen werde und kann mir dieses Glück noch kaum vorstellen.“

Adele war jedoch bereits weggezogen und heiratete kurz darauf erneut. Auch Ernst heiratete im Oktober 1945 die verwitwete Schneiderin Leopoldine Schelnast, die er bereits vor dem Krieg als Freundin seiner Schwester Elsa kennengelernt hatte. Die beiden bekamen zwei Kinder, Ernst und Christa.

Ende der 1940er Jahre sagte Ernst Stimmer in Wien als Zeuge im Prozess gegen den Lagerkommandanten Franz Stuschka aus.

Schriftliche Aussage von Ernst Stimmer vor dem Landgericht Wien vom 23.10.1946
© CC BY-NC-ND 4.0 DEED, Quelle: WStLA
Schriftliche Aussage von Ernst Stimmer vor dem Landgericht Wien vom 23.10.1946
© CC BY-NC-ND 4.0 DEED, Quelle: WStLA

Ernst Stimmer starb am 25. Dezember 1990 in Steyr. Seinem Sohn Ernst hatte er erst kurz vor seinem Tod zum ersten Mal von seiner Inhaftierung in Theresienstadt erzählt.

QUELLENANGABE

Reitter, Johannes. 2022. Ein Mantel des Schweigens. Der Umgang mit der NS-Geschichte in Opfer- und Täterfamilien. Wien: Böhlau-Verlag.
SHALOM LINZ – eine Porträtdokumentation 2015